PHILOSOPHIE

Das Pferd im Mittelpunkt

Meine oberste Priorität im Training hat das Wohlbefinden des Pferdes. Nur ein entspanntes Pferd entwickelt sich optimal weiter und bleibt motiviert und gesund. Diese positive Trainingsbereitschaft wird durch ein stufengerechtes Training mit ansteigenden Anforderungen gefördert.  Zentral dabei ist das Belohnungsschema und die verständliche Anwendung der Hilfen.
Ich wende zehn Trainingsgrundsätze an (empfohlen durch International Society for Equitation Science (ISES, 2017)).

DIE ZEHN TRAININGSGRUNDSÄTZE

 
One
Two

DIE NATÜRLICHEN BEDÜRFNISSE UND MENTALEN FÄHIGKEITEN DES PFERDES BERÜCKSICHTIGEN

Als hochsoziales Tier ist es für das Pferd zum Beispiel ein natürliches Bedürfnis sich gut in den Herdenverband zu integrieren.

Beispiel: Das Pferd schliesst Freundschaften mit anderen Herdenmitgliedern indem es Fellpflege mit ihnen betreibt.

Fazit fürs Training: Zum Belohnen wenden wir Halskraulen (= soziales Bedürfnis) anstatt Tätscheln an, das von vielen Pferden als unangenehm empfunden wird.

Für das Fluchttier Pferd ist es überlebenswichtig auf (Umwelt-)reize immer in passender Weise zu reagieren. Deshalb sind sie Experten im Erlernen von Signalen und können sich auch sehr gut daran erinnern. Im Gegensatz zum Menschen sind sie jedoch nicht in der Lage ihren Gedanken freien Lauf zu lassen.

Beispiel: Ein Pferd kann nicht in den Erinnerungen an den letzten Weidegang schwelgen. Es erinnert sich aber beim nächsten Weidegang sehr gut an die Schreckreaktion, ausgelöst durch eine Katze, beim letztmaligen Weidegang.

Fazit fürs Training: Zeigt ein Pferd die 'falsche' Reaktion auf unser Signal, gehen wird davon aus, dass es das Signal bzw. die Antwort darauf noch nicht erlernt hat und denken nicht, dass es sich mit Absicht falsch verhält.

DIE PRINZIPIEN DER LERNTHEORIE GEZIELT ANWENDEN

Gemäss diesem Grundsatz werden die Techniken von sogenanntem non-assoziativem und assoziativem Lernen gezielt angewendet.

Non-assoziatives Lernen umfasst Habituation (= Gewöhnung) und Sensibilisierung.

Beispiel: Ein Pferd gewöhnt sich an das Geräusch von Sprays durch systematische Desensibilierung (= eine Art von non-assoziativem Lernen)

Assoziatives Lernen beinhaltet operantes und klassisches Konditionieren.

Beispiel: Das Pferd erlernt Schenkeldruck als Signal zum Vowärtsgehen. Dies geschieht durch negative Verstärkung (= eine Art von operantem Konditionieren)

Beispiel: Das Pferd erlernt ein Stimmsignal, um rückwärts zu treten. Dies geschieht durch klassisches Konditionieren.

Fazit fürs Training: Wir wählen gezielt die passenden Methoden, welche das Wohlbefinden des Pferdes und die Sicherheit von Pferd und Reiter gewährleisten und zum Ausbildungsstand des Pferdes passen.

Three
Four

UNTERSCHEIDBARE SIGNALE EINSETZEN

Die Möglichkeiten als Reiter*in auf das Pferd einzuwirken sind begrenzt (Sitz, Schenkel, Zügel, ev. Gerte/Stimme). Gleichzeitig ist die Anzahl der verschiedenen und tlw. komplexen Bewegungsabläufe sehr umfangreich. Dies macht es schwierig für jede Reaktion/Lektion ein eindeutiges Signal anwenden zu können.

Beispiel: In der englischen Reitweise ist der Schenkel des Reiters stets im leichten Kontakt mit dem Pferd. Das Pferd spürt also einen minimalen Druck. Der gleiche Druck - jedoch stärker - bedeutet 'vorwärts'. Dies kann insbesondere, wenn die Stärke dieser Drucke nicht immer gleich angewendet werden, verwirrend und frustrierend für das Pferd sein.

Fazit fürs Training: Die Hilfengebung soll möglichst klar/eindeutig erfolgen. Ein zügelunabhängiger, ruhiger Sitz ist essentiell für die präzise Anwendung von Hilfen.

REAKTIONEN ALLMÄHLICH VERBESSERN

Durch gezieltes Training verbessern wir allmählich die Reaktion des Pferdes auf unser Signal (= Shaping).

Beispiel: Das Pferd lernt anzugaloppieren. Zu Beginn belohnen wir das Pferd sobald es in den Galopp fällt. Galoppiert es zuverlässig an, steigern wir die Anforderung und belohnen nur noch regelmässig, wenn es dabei kraftvoll abfusst.So können wir eine Reaktion auf ein Signal Schritt für Schritt verbesseren/modifizieren.

Fazit fürs Training: Die Anforderungen an eine Reaktion werden allmählich gesteigert (entlang einer Trainingsskala). Das nächste Level wird erst trainiert, wenn die vorherige Stufe zuverlässig erreicht wurde.

Five
Six

NICHT GLEICHZEITIG GEGENSÄTZLICHE REAKTIONEN ABRUFEN

Das Pferd kann nicht gleichzeitig auf mehrere (inbesondere gegensätzliche) Signale reagieren. Werden mehrere Signale  gleichzeitig angewendet, reagiert es lediglich auf das stärkste der Signale. Die anderen Signale ignoriert es bzw. es gewöhnt sich sogar daran, nicht darauf zu reagieren.

Beispiel: Um das Pferd zu 'schliessen', verkürzt ein Reiter die Zügel deutlich (= starkes Signal mit Zügel), gleichzeitig treibt er es nach (= leichte Schenkelhilfe). Der Zügel vermittelt 'bremsen' und der Schenkel 'vorwärts'. Das Pferd reagiert nur auf die Zügelhilfe und gewöhnt sich gleichzeitig an das Signal mit dem Schenkel und stumpft dagegen ab.

Fazit fürs Training: Wir wenden nicht gleichzeitig mehrere (gegensätzliche) Signale an. Je weiter fortgeschritten die Ausbildung eines Pferdes ist, desto kürzer können die Zeitabstände zwischen der Anwendung der unterschiedlichen Hilfen werden.

PRO SIGNAL/HILFE NUR EINE REAKTION TRAINIEREN

Gemäss diesem Grundsatz soll ein bestimmtes Signal immer zur gleichen Antwort führen. Ein Signal darf nicht zwei verschiedene korrekte Reaktionen haben. Hat ein Signal zwei mögliche korrekte Antworten, entsteht eine unverzuverlässige Verbindung von Signal und Reaktion.

Beispiel: In der englischen Reitweise wird der innere Schenkel in der Gurtenlage zum Treiben und zum Biegen eingesetzt.

Fazit fürs Training: Wir achten bei der Hilfengebung auf eindeutige Verbindungen zwischen Signal und Reaktion: Ein bestimmtes Signal hat immer die gleiche Reaktion zur Folge.

Seven
Eight

REAKTIONEN/LEKTIONEN IMMER GLEICH TRAINIEREN

Zumindest zu Beginn sollte eine Reaktion immer möglichst identisch trainiert werden. Identisch in Bezug auf Art des Signals, Steigerung der Stärke des Signals und die belohnte Ausführungsqualität.

Beispiel: In allen Reitweisen ist erwünscht, dass Pferde auf Signale zum Tempowechsel sofort reagieren. Je nach Disziplin variiert aber die erwünschte Ausführung. Bei Arbeitsreitweisen soll der Übergang abrupt sein, während im Dressurreiten ein weicher, fliessender Übergang erwünscht ist. Dies sind zwei verschiedene Ausführungsqualitäten.

Fazit fürs Training: Wir wenden Hilfen möglichst immer identisch an und trainieren konsequent die gleiche Reaktion/Ausführungsqualität.

SELBSTHALTUNG ANSTREBEN

Wir streben an, dass das Pferd ohne ständige Einwirkung von Hilfen den Rhythmus, die Linie und die Haltung selbst beibehält. Die konstante Anwendung von Hilfen ohne Reaktion darauf, führt zu Abstumpfung.

Beispiel: Das Pferd verlängert auf eine einmalig treibende Hilfe die Tritte und behält dies bei, bis ein anderes Signal angewendet wird.

Fazit fürs Training: Wir überprüfen regelmässig die Selbsthaltung und trainieren die Stufe 'Rhythmus' der Ausbildungsskala besonders sorgfältig.

Nine
Zero

FLUCHT-/SCHRECKREAKTIONEN VERHINDERN UND REDUZIEREN

Schreckreaktionen prägen sich dem Pferde besonders schnell und stark ein. In der Folge zeigt ein Pferd dieses Verhalten (zum Beispiel Scheuen, Durchgehen, Bocken) gehäuft. Es sollte deshalb möglichst vermieden werden, dass das Pferd in Situationen kommt, in denen es Flucht-/Schreckreaktionen zeigt, da dies die Sicherheit von Pferd und Reiter gefährdet. Weiter erhöht es den Stress bei Pferden und führt so zu verminderter Lernleistung und gesundheitlichen Problemen.

Beispiel: Ein Pferd scheut immer in der gleichen Ecke des Reitplatzes. Wir nähern uns, bis das Pferd kleinste Zeichen von Spannung zeigt und führen dann Übergänge aus. Sobald sich das Pferd entspannt (= Gewöhnung), verringern wir die Distanz.

Fazit fürs Training: Wir vermeiden Schreck-/Fluchtreaktionen wenn immer möglich.

MIT DEM IDEALEN ENERGIELEVEL TRAINIEREN

Damit ein Pferd optimal lernt, soll es aufmerksam und wach, aber nicht angespannt oder gestresst sein. Ist die Spannung zu hoch, ist es nicht mehr in der Lage zu lernen.
Fazit fürs Training: Wir streben ein möglichst entspanntes Pferd an, das aber dennoch sofort auf Signale reagiert.

Quelle: Equitation Science Ed. 2 (McLean et al., 2018)
Freie, sinnhafte Übersetzung mit Ergänzungen durch reittraining.ch